Griffarten & richtiges Greifen

Erkenne verschiedene Griffe wie Henkel oder Leisten. Nutze die offene Fingerposition, um das Verletzungsrisiko zu senken.

Sportart: Bouldern · Level: Anfänger

## Einleitung In der Boulderhalle wirst du mit einer Vielzahl unterschiedlicher Griff-Formen konfrontiert – von riesigen "Henkeln" (Jugs) über abgerundete "Sloper" bis hin zu winzigen Leisten (Crimps). Es reicht jedoch nicht aus, die Griffe nur optisch zu erkennen; die Art und Weise, wie du sie greifst, entscheidet über deinen Erfolg und deine Gesundheit. Verletzungen der oberen Extremitäten machen 57,6 % bis 78 % aller Kletterverletzungen aus, wobei fast die Hälfte direkt auf die Finger entfällt [1]. Am häufigsten betroffen sind hierbei die A2- und A4-Ringbänder, welche die Beugesehnen nah am Fingerknochen halten [2-4].

Wissenschaftliche biomechanische Untersuchungen belegen, dass verschiedene Griffarten ("Grip Families") die Lasten mechanisch völlig unterschiedlich auf die Beugemuskulatur (Flexor digitorum profundus [FDP] und superficialis [FDS]) und das Sehnensystem verteilen [5]. Die Wahl des richtigen Griffs bestimmt nicht nur deine Ausdauer an der Wand, sondern verhindert auch gravierende Überlastungsschäden. Dieser Guide vermittelt dir fundiertes biomechanisches Wissen, um von Beginn an eine saubere, effiziente und vor allem sichere Grifftechnik aufzubauen.

## Was du brauchst Chalk (Magnesia): Hält die Haut trocken und erhöht essenziell den Reibungskoeffizienten auf Slopern und Auflegern [6, 7]. Eine weiche Kletterbürste: Um Griffe von überschüssigem Chalk zu befreien und maximalen Grip zu gewährleisten. * Bewusstsein für deine Fingergelenke: Konzentriere dich aktiv auf die Stellung des Fingerendgelenks (DIP) und des Fingermittelgelenks (PIP) [8].

Schritt für Schritt

### 1. Den offenen Griff (Open Hand / Drag) etablieren Der offene Griff sollte als Anfänger dein absoluter Standard sein. Hierbei ist das Fingerendgelenk (DIP) leicht gebeugt, während das Fingermittelgelenk (PIP) nahezu gestreckt bleibt [9, 10]. Diese Position erzeugt eine sanfte, flache Kurve der Kraftlinie. Dadurch bleibt die Beugesehne extrem nah am Knochen, was die mechanische Last auf das A2-Ringband minimiert [11, 12]. Da bei diesem Griff fast ausschließlich der tiefe Fingerbeuger (FDP) arbeitet, sparst du wertvolle Energie und beugst einer schnellen Unterarmermüdung vor [10, 13].

### 2. Den "Half-Crimp" (Halb aufgestellter Griff) kontrollieren An Kanten, die zu klein für einen offenen Griff sind, kommt der Half-Crimp zum Einsatz. Bei dieser Technik wird das Mittelgelenk (PIP) stabil auf etwa 90 Grad gebeugt, während das Endgelenk (DIP) leicht gekrümmt auf dem Griff liegt [14-16]. Mechanisch betrachtet bietet dieser Griff das beste Verhältnis aus Kraftübertragung und Stabilität [12]. Sowohl der tiefe (FDP) als auch der oberflächliche Fingerbeuger (FDS) teilen sich die Last perfekt auf [13]. Auch wenn das Ringband hier mehr Belastung erfährt als beim offenen Griff, bleibt es bei richtiger Anwendung im sicheren Bereich.

### 3. Zangengriffe (Pinch Grip) aktiv trainieren Ein Pinch wird verwendet, um Griffe an vertikalen Kanten oder abstehenden Volumen zu fixieren. Dabei drückt der Daumen in entgegengesetzter Richtung zu den Fingern [17]. Dies ist anatomisch eine der stärksten Griffarten, da sie die Daumenmuskulatur maximal einbezieht und Querkräfte aufbauen kann [17, 18]. Gerade Anfänger vergessen oft ihren Daumen – achte aktiv darauf, ihn bei jeder Möglichkeit zur Stabilisierung einzusetzen.

### 4. Körperposition für den Griff optimieren Biomechanik im Klettern beschränkt sich nie nur auf die Hand. Alice Turner, eine bekannte Kletter-Physiotherapeutin, betont, dass der offene Griff (Open Hand) nur dann funktioniert, wenn die Körperposition stimmt: Die Hüfte muss tief und nah an der Wand positioniert werden, und die Arme sollten eher lang gelassen werden [19]. Nur in dieser Position zieht der Kraftvektor ideal nach unten und weg vom Griff ("Drag"), was die Reibung maximiert und verhinderst, dass du vom Griff abrutschst [19]. Wenn deine Hüfte zu weit von der Wand weghängt, ändert sich der Kraftvektor ungünstig und deine Finger müssen deutlich mehr Haltekraft aufbringen [20].

### 5. Den Full Crimp (Voll aufgestellt) vorerst komplett vermeiden Der Full Crimp zeichnet sich durch extrem gebeugte Mittelgelenke (PIP) und überstreckte Endgelenke (DIP) aus, oft verstärkt durch den Daumen, der sich über den Zeigefinger legt (Daumenriegel) [15, 16, 21]. Er liefert zwar einen extremen mechanischen Vorteil auf winzigen Tritten, verursacht aber einen extrem scharfen Winkel in der Sehnenführung [11, 12]. Der Full Crimp ist kein Standardgriff, sondern ein riskantes Spezialwerkzeug für fortgeschrittene Kletterer und Wettkampf-Situationen ("Redpoint Cruxes") [22].

## Häufige Fehler - Fehler 1: Übermäßiges Crimpen (Aufstellen). Viele Anfänger nutzen den Full Crimp aus Gewohnheit selbst bei großen Griffen, da er große Muskelgruppen des Rückens aktiviert und Schwächen in der Unterarmmuskulatur kaschiert [23]. Das ist langfristig höchst gefährlich. - Fehler 2: Den Daumen ignorieren. Ohne den Daumen verlierst du an Stabilität und vergibst ein enormes Kraftpotenzial bei Zangengriffen oder beim Übergreifen an Kanten. - Fehler 3: Den Schwerpunkt zu hoch halten. Wer sich mit angewinkelten Armen an einen runden "Sloper"-Griff oder an einen offenen Griff zieht, fällt schnell ab. Der Körperschwerpunkt muss unter den Griff gebracht werden, um Reibung aufbauen zu können [19, 24].

## Sicherheitshinweise Klettern übt immense mechanische Spitzenlasten auf Binde- und Sehnengewebe aus, das sich viel langsamer anpasst als Muskelgewebe. Wenn du den Full Crimp anwendest, entsteht der sogenannte "Bowstringing"-Effekt (Bogensehneneffekt): Die Beugesehne versucht sich durch die extreme Gelenkbeugung vom Knochen abzuheben, was massiven Druck auf die kleinen Ringbänder ausübt [12, 25]. Messungen von Schweizer (2001) haben gezeigt, dass beim Full Crimp eine Last auf das A2-Ringband wirkt, die dreimal so hoch ist wie die an den Fingerspitzen applizierte Kraft [21, 26]. Für einen Hobbysportler können hier Kräfte nahe 400 Newton entstehen – was ziemlich exakt der absoluten Belastungsgrenze (Rissgrenze) des Ringbandes entspricht [11, 26]! Vermeide diesen Griff als Anfänger daher konsequent.

## Pro-Tipp Vertraue der Wissenschaft, nicht deinem Gefühl: Viele Kletterer (sogar Fortgeschrittene!) überschätzen ihre Kraft in der halb aufgestellten (Half-Crimp) Position maßlos und glauben, sie seien damit am stärksten [27-29]. Aktuelle Studien an einem 23-Millimeter-Campusboard zeigen jedoch deutlich: Auf Leisten, die tief genug sind, um das erste Fingerglied komplett zu platzieren, generiert der gelenkschonende offene Griff (Open Hand) sogar leicht höhere Maximalkräfte als der Half-Crimp [23, 30, 31]. Trainiere daher aktiv dein muskuläres System darauf, offene Fingerpositionen zu tolerieren – du kletterst dadurch nicht nur sicherer, sondern langfristig auch kräftiger.

Schritt für Schritt

  1. Den offenen Griff priorisieren: Lasse die mittleren Fingergelenke moeglichst gestreckt und nutze die Reibung der gesamten Fingerflaeche.
  2. Half-Crimp gezielt einsetzen: Beuge das Mittelgelenk auf 90 Grad fuer mehr Stabilitaet an kleineren Kanten, ohne den Daumen ueber den Zeigefinger zu legen.
  3. Krafteinsatz durch die Huefte steuern: Bringe deine Huefte nah an die Wand und unter den Griff, um einen optimalen Zugwinkel fuer den offenen Griff zu erzeugen.
  4. Zangengriffe (Pinches) nutzen: Aktiviere deinen Daumen, um vertikale oder knollige Griffe wie eine Zange zu greifen und so Kraft aus dem Unterarm zu mobilisieren.
  5. Full Crimp bei Anfaengern vermeiden: Verzichte strikt auf voll aufgestellte Finger mit Daumenriegel, da Sehnen und Baender Monate brauchen, um diese Extrembelastung zu tolerieren.

Key Takeaways

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