Wie das Alpine Notsignal funktioniert, Notrufnummern und der Umgang mit dem Erste-Hilfe-Set.
## Einleitung Bergsteigen und Wandern sind fantastische Ausdauersportarten, bergen jedoch als Risikosportarten auch stets die Gefahr eines Unfalls [1, 2]. Egal, ob blutiger Anfänger oder routinierter Alpinist – jeder kann plötzlich mit einem medizinischen Notfall konfrontiert werden [1]. Wenn ein Begleiter stürzt, sich schwer verletzt oder das Gelände durch einen Wettersturz unpassierbar wird, zählt im Gebirge jede Sekunde [1]. Oftmals verstreicht wertvolle Zeit, weil Wanderer in Panik geraten, die richtigen Notrufnummern nicht parat haben oder die Struktur einer professionellen Rettungskette nicht kennen. In diesem detaillierten Guide der DOMISPORTS Academy lernst du das essenzielle Notfallmanagement am Berg: Vom strukturierten Absetzen eines Notrufs über die lebensrettende Erste Hilfe mittels ABCDE-Schema bis hin zur Kommunikation mit dem Rettungshubschrauber.
## Was du brauchst Die professionelle Bewältigung eines Notfalls beginnt beim Packen deines Rucksacks. Zur absoluten Pflichtausstattung, die niemals aus Gewichtsgründen zu Hause bleiben darf, gehören: - Erste-Hilfe-Paket: Vollständig ausgestattet inkl. Verbandszeug [3]. - Biwaksack & Alu-Rettungsdecke: Die wichtigste Barriere gegen lebensgefährliche Unterkühlung [3]. - Kommunikation: Ein voll geladenes Mobiltelefon, idealerweise ergänzt durch eine Powerbank [3, 4]. - Signalisierung: Eine kleine Trillerpfeife [5] und idealerweise eine leuchtende Warnweste, um auf sich aufmerksam zu machen [6].
### 1. Unfallstelle absichern und Leader bestimmen Der erste Schritt nach einem Unfall ist immer der Eigenschutz und die Vermeidung von weiteren Schäden. Bestimme sofort einen "Leader" (eine Führungsperson) in der Gruppe, der den Überblick behält und konkrete Aufgaben an die anderen Mitglieder verteilt [7]. Niemand sollte unkontrolliert umherlaufen; alle Gruppenmitglieder ohne feste Aufgabe halten sich zur Verfügung [7]. Der Verletzte darf nach Möglichkeit nicht alleingelassen werden [8].
### 2. Erste Hilfe nach dem ABCDE-Schema Die professionelle Erste Hilfe im alpinen Raum orientiert sich am standardisierten "ABCDE"-Protokoll [9]: - A (Airway): Atemwege kontrollieren und freihalten [9]. - B (Breathing): Atmung prüfen und falls nötig beatmen [9]. - C (Circulation): Kritische Blutungen stoppen [9]. In dieser Phase ist der Wärmeerhalt extrem wichtig, da verletzte Patienten selbst im Hochsommer binnen Minuten lebensgefährlich auskühlen können [9]. - D (Disability): Den neurologischen Status (Bewusstsein) überprüfen [9]. - E (Environment): Den Patienten zwingend mit einem Biwaksack oder einer Rettungsdecke vor der Witterung (Wind, Nässe, Bodenkälte) schützen [3, 9].
### 3. Den Notruf absetzen Sobald der Patient erstversorgt ist, muss der Notruf gewählt werden. Präge dir die wichtigsten Nummern ein: Die 112 ist der allgemeine Europäische Notruf, die 140 ist der spezifische Alpinnotruf (Bergrettung) in Österreich [3, 10, 11]. Bleibe am Telefon ruhig und beantworte die Fragen der Leitstelle [12]. Wichtig sind folgende Informationen: Was ist passiert? Ist der Zustand zeitkritisch (z.B. bewusstlos)? Wie viele Verletzte gibt es? Wo genau befindet ihr euch (GPS-Koordinaten, Höhe, Name des Berges oder der Route)? [12]. Lege danach nicht einfach das Handy weg, sondern halte die Leitung unbedingt für Rückrufe des Einsatzleiters frei und schone den Akku (Handy warmhalten) [8].
### 4. Das Alpine Notsignal und Hubschrauber-Einweisung Wenn ihr den Notruf erfolgreich abgesetzt habt oder auf Verdacht Hilfe benötigt, müsst ihr die Rettungskräfte einweisen. Nutzt alle verfügbaren Mittel, um mit Signalfarben (Warnweste), Rufen oder Pfeifen auf euch aufmerksam zu machen [6, 13]. Nähert sich der Rettungshubschrauber, stellt sich eine Person gut sichtbar auf und formt mit beiden nach oben ausgestreckten Armen ein "Y" (das sogenannte Yes-Zeichen) [13]. Dies signalisiert dem Piloten eindeutig: "Ja (Yes), wir brauchen Hilfe!" (Ein Arm nach oben und einer nach unten würde ein "N" für "No" bedeuten).
## Häufige Fehler - Fehler 1: Leitung nach dem Notruf blockieren. Viele rufen nach dem Absetzen des Notrufs sofort Angehörige an. Dadurch ist die Nummer für die Bergrettung bei wichtigen Rückfragen blockiert [8]. - Fehler 2: Auskühlung unterschätzen. Selbst bei 25 Grad im Tal kühlt ein verletzter, unbeweglicher Körper auf dem Berg rasend schnell aus. Den Biwaksack nicht sofort zu nutzen, ist ein lebensgefährlicher Fehler [9]. - Fehler 3: Blindes Loslaufen um Hilfe zu holen. Wenn kein Netz vorhanden ist, sollte ein Abstieg, um Hilfe zu holen, nur nach strenger Abwägung von Wetter, Gelände und Können der verbleibenden Gruppe erfolgen [14].
## Sicherheitshinweise Bringe dich bei Rettungsaktionen niemals selbst in Lebensgefahr. Eigenschutz geht immer vor Fremdschutz! Achte besonders darauf, im Schockzustand nicht unüberlegt wegloses Gelände oder steile Altschneefelder zu betreten, da hier das Risiko für einen weiteren Absturz extrem hoch ist [15]. Halte dich von Absturzkanten fern, wenn der Hubschrauber im Anflug ist, da der Downwash (Abwind der Rotoren) enorme Kräfte entwickelt.
## Pro-Tipp Was tun, wenn das Handy absolut keinen Empfang anzeigt? Schalte das Mobiltelefon aus und wieder ein – oft wählt sich das Gerät dann in ein anderes, stärkeres Netz ein [14]. Sollte ein Sprachanruf weiterhin scheitern, versuche, einen Notruf per SMS abzusetzen [14]. Eine SMS benötigt im Gegensatz zum Sprachanruf nur einen winzigen Bruchteil an Netzabdeckung und wird oft gesendet, sobald das Handy für den Bruchteil einer Sekunde ein Signal findet. Wer häufig in sehr abgelegenen Gebieten ohne Netzabdeckung wandert, sollte zudem über die Anschaffung eines Satelliten-Notfallgeräts (z.B. Garmin inReach) nachdenken, mit dem man weltweit per Satellit Hilfe rufen kann [13, 16].