Sicheres Bewegen auf Firn und Blankeis bis 30 Grad. Strategien, wann und wie Steigeisen angelegt werden und taktisches Vorankommen auf dem Gletscher.
## Einleitung Der Übergang vom klassischen Bergwandern zum Begehen von leichten Hochtouren stellt Alpinisten vor völlig neue, hochkomplexe Herausforderungen. Auf den Gletschern des Hochgebirges steigen die technischen Anforderungen massiv an [1]. Ein Hochtourist auf Experten-Niveau (Pro) muss in der Lage sein, sich mit Steigeisen auf Blankeis bis zu einer Steilheit von 30 Grad absolut sicher und selbständig fortzubewegen [1, 2]. Gleichzeitig rückt die Beurteilung alpiner Objektivgefahren – wie verdeckte Gletscherspalten, Wechten oder drohende Eisabbrüche – in den Mittelpunkt der Tourenplanung.
Die fundamentale Fragestellung „Seil oder nicht Seil“ [3] sowie das fehlerfreie Beherrschen von elementaren Sicherungstechniken entscheiden in diesem sensiblen Terrain oftmals über Leben und Tod. Wer einen angeseilten Spaltensturz abfängt, muss die Techniken zur anschließenden Kameraden- oder Selbstrettung blind beherrschen [1, 4]. Dieser detaillierte Guide der DOMISPORTS Academy liefert dir die essenziellen Strategien für das taktische Vorankommen auf Firn und Eis.
## Was du brauchst Eine Hochtour erfordert spezielles Hartwaren-Equipment, das keinen Spielraum für Kompromisse zulässt: - Kantenstabiles Schuhwerk: Steigeisenfeste Bergschuhe (Kategorie C oder D) mit extrem steifer Sohle. - Eisausrüstung: Ein klassischer Hochtouren-Eispickel (kein steiles Eisgerät) sowie passende Steigeisen (mit Kipphebelbindung oder Körbchen) [5]. - Seil & Gurt: Ein leichter Hochtourengurt sowie ein imprägniertes Einfach- oder Halbseil (ca. 40 bis 50 Meter für Gletscher) [5]. - Minimalausrüstung am Gurt: Laut DAV-Sicherheitsforschung gehören zur optimalen Minimalausrüstung für die Spaltenbergung: 1 Eisschraube, 2-3 Reepschnüre (für Prusikknoten), 1-2 Bandschlingen (120 cm), HMS-Verschlusskarabiner sowie idealerweise eine technische Seilklemme mit Rücklaufsperre (z.B. Petzl Micro Traxion) [5, 6].
### 1. Taktische Geländebeurteilung und die Seil-Entscheidung Ein Gletscher lässt sich meist in das obere Nährgebiet (schneebedeckt) und das untere Zehrgebiet (Blankeis) unterteilen. Auf einem aperen (schneefreien) Gletscher sind Spalten meist offen und gut sichtbar. Hier gilt die Lehrmeinung "Seil oder nicht Seil": Auf einem reinen Blankeisgletscher ohne Sturzgefahr in Spalten kann auf das Seil verzichtet werden. Ein Seil würde bei einem Ausrutscher im Blankeis (ohne gesetzte Eisschrauben) die gesamte Seilschaft unweigerlich mitreißen [3]. Sobald ein Gletscher jedoch von Schnee bedeckt ist, lauern tückische, unsichtbare Spalten unter den Schneebrücken. Hier gilt absolute Anseilpflicht! Das Seil ist das einzige Mittel, um den Spaltensturz eines Kameraden aufzuhalten [3].
### 2. Gehtechnik: Kerbtritte vs. Steigeisen (bis 30 Grad) Die Beschaffenheit der Schneeoberfläche ändert sich im Tagesgang dramatisch. Ist der Firn durch die Sonne oder im späten Frühjahr weich, lassen sich Hangneigungen bis 30 Grad kraftsparend durch das Schlagen von horizontalen „Kerbtritten“ in den Schnee begehen [7, 8]. Trifft man jedoch auf hartgefrorenen Firn am frühen Morgen oder gar auf Blankeis, ist das rechtzeitige Anlegen von Steigeisen zwingend erforderlich [7]. Ein fataler Taktikfehler ist es, Steigeisen erst dann anzulegen, wenn man bereits im steilen Gelände abrutscht. Nutze stattdessen das letzte sichere, flache Plateau, um die Ausrüstung in Ruhe anzulegen. Steige im bis zu 30 Grad steilen Eis in der effizienten "Zehn-Zacken-Technik" (Flat-Footing), bei der alle Zacken des Steigeisens plan in das Eis gedrückt werden, um die Belastung auf die Waden zu reduzieren.
### 3. Richtiges Anseilen auf dem Gletscher Für die Begehung von Spaltenzonen müssen die Seilabstände exakt kalkuliert sein. In einer typischen 3er-Seilschaft liegt der Abstand bei etwa 10 bis 12 Metern. Diese Distanz stellt sicher, dass beim Einbruch der ersten Person nicht sofort die zweite Person in dieselbe Spalte gerissen wird. Das wichtigste Gebot für die Gehtechnik: Das Seil darf niemals auf dem Boden schleifen! Gehe stets so, dass das Seil eine minimale Spannung zum Vordermann aufweist. So greift der Zug bei einem Spaltensturz sofort, ohne dass die stürzende Person durch Schlappseil eine hohe Fallgeschwindigkeit aufbaut.
### 4. Sturz halten und Rettung einleiten Bricht der Vordermann in eine Spalte ein, muss der Nachfolgende den Sturz instinktiv blockieren. Wirf dich sofort auf den Boden und ramme den Schaft deines Eispickels tief in den Firn, um eine maximale Bremswirkung zu erzielen [7]. Sobald der Sturz gehalten ist, musst du den Zug vom Körper auf einen provisorischen Fixpunkt (T-Anker im Schnee oder Eisschraube im Eis) übertragen. Erst dann wird die Rettung (Kameradenrettung per Flaschenzug/loser Rolle) eingeleitet. Als Hochtourist auf Pro-Level wird vorausgesetzt, dass du nach einem eigenen, angeseilten Spaltensturz auch in der Lage bist, eine Selbstrettung (mit Reepschnüren durch Prusiken an der gespannten Seilseite) durchzuführen [1, 2, 4].
## Häufige Fehler - Fehler 1: Schlappseil (Gefährliche Fehler am Gletscher): Das Gehen mit durchhängendem Seil ist extrem gefährlich [9, 10]. Fällt der Partner bei 3 Metern Schlappseil in die Spalte, beschleunigt er massiv. Der daraus resultierende harte Ruck (Fangstoß) reißt die haltende Person fast unweigerlich mit in die Tiefe. - Fehler 2: Orientierungslosigkeit bei Whiteout: Auf weiten, strukturlosen Gletscherplateaus führt aufziehender Nebel (Whiteout) sofort zum Verlust jeglicher visuellen Referenz. Wer sich hier nicht blind auf GPS und Kompass verlassen kann [4, 11], läuft im Kreis oder direkt in die Abbruchzone. - Fehler 3: Den Eispickel als reinen Spazierstock nutzen: Viele Hochtouren-Gänger haben den Eispickel zwar in der Hand, trainieren aber nie die automatisierte Bremstechnik [7]. Wer bei einem Ausrutscher auf hartem Firn nicht in den Bruchteilen einer Sekunde in die Bremshaltung geht, beschleunigt rasend schnell in Richtung der Felsen.
## Sicherheitshinweise Das Begehen von Gletschern und das Führen einer Hochtour ist kein Terrain für Improvisation oder "Learning by Doing". Bevor du dich auf Tour wagst, müssen die richtige Bremstechnik im Firn sowie die Abläufe der Spaltenbergung (Selbst- und Kameradenrettung) in Kursen oder einem sicheren Übungsgelände bis zur vollständigen Automatisierung geübt werden [1, 3, 4, 7]. Ein Spaltensturz geschieht oft lautlos und ohne Vorwarnung; in diesem Moment musst du dich zu 100 % auf deine Seilschaft, dein Knotenwissen und das Material an deinem Gurt verlassen können. Halte am Gletscher zudem strikt Abstand zu den Auslaufzonen von Seracs (große Eistürme an Steilbrüchen), da diese unberechenbar und wetterunabhängig abbrechen können.
## Pro-Tipp Nutze bei der Gletscherbegehung mit Zweier- oder Dreierseilschaften sogenannte Bremsknoten. Binde in den Seilabstand zwischen den Personen im Abstand von etwa 1,5 bis 2 Metern mehrere Sackstiche oder Schmetterlingsknoten ins Seil. Bricht ein Partner durch eine weiche Schneebrücke in die Spalte ein, fressen sich diese Knoten tief in den Rand der Spaltenlippe (den Firn). Die entstehende Reibung reduziert die Sturzenergie und die Zuglast auf den obenstehenden Kletterer drastisch, sodass dieser den Sturz sehr viel leichter halten und den T-Anker bauen kann!