Seiltechnik & Spaltenbergung

Essenzielle Techniken zur Selbstrettung nach einem Spaltensturz. Der professionelle Einsatz von Seilklemmen und Klemmknoten zur schnellen und effizienten Rettung.

Sportart: Wandern · Level: Profi

## Einleitung Die Begehung von Gletschern mit verdeckten Spaltenzonen ist eine der faszinierendsten, aber auch objektiv gefährlichsten Disziplinen des Alpinismus. Stürzt ein Seilschaftsmitglied in eine Gletscherspalte, kann das extrem schnell zu einer absolut lebensgefährlichen Situation führen [1]. Die enorme Kälte im Inneren des Eises, mögliche Verletzungen durch den Aufprall und das drohende Hängetrauma machen die Zeit zum kritischsten Faktor. Wenn du dich im Pro-Level bewegst, reicht es nicht aus, nur das Seil zu tragen; die Kameradenrettung ist ein unerlässliches Handwerkszeug auf jeder Hochtour, das im Ernstfall blind und automatisiert abgerufen werden muss [1]. Darüber hinaus wird vorausgesetzt, dass du nach einem angeseilten Spaltensturz auch in der Lage bist, eine eigenständige Selbstrettung durchzuführen [2]. Dieser Guide der DOMISPORTS Academy vermittelt dir die hochkomplexen Seiltechniken, den optimalen Materialeinsatz und die taktischen Präventivmaßnahmen, um eine Katastrophe am Gletscher zu verhindern.

## Was du brauchst Für eine schnelle und erfolgreiche Spaltenbergung muss das Material zwingend griffbereit am Klettergurt getragen werden. Die DAV-Sicherheitsforschung empfiehlt folgende optimale Minimalausrüstung für eine einfache Gletschertour: - 1 Eisschraube: Für den schnellen Fixpunkt im Blankeis [3]. - 2 bis 3 Reepschnüre: Standard-Reepschnüre (z.B. 5-6 mm Durchmesser) für das Knüpfen von Prusikknoten [3]. - 1 bis 2 Bandschlingen: Idealerweise 120 cm Länge für den Standplatzbau oder den T-Anker [3]. - 1 HMS-Verschlusskarabiner: Für die Halbmastwurfsicherung und Lastenübertragung [3]. - Technische Seilklemme mit Rücklaufsperre: Ein ultraleichtes Gerät (wie die Petzl Micro Traxion), das den Flaschenzug massiv erleichtert [3].

Schritt für Schritt

### 1. Präventives Verhalten an der Spalte Die beste Spaltenbergung ist die, die gar nicht erst stattfindet. Identifizierte, von Schnee überdeckte Spalten sollten im Gelände wenn möglich immer großräumig umgangen werden [4]. Ist dies nicht machbar, darf die Seilschaft niemals entlang von erkennbaren oder vermuteten Spalten laufen; stattdessen muss die Spaltenzone exakt im rechten Winkel gekreuzt werden, um den potenziellen Sturz der gesamten Seilschaft zu vermeiden [4]. Müssen Schneebrücken zwingend überquert werden, bringe das Seil vorab streng auf Spannung und beurteile die Festigkeit der Brücke mit der Pickelspitze [4]. Hierbei achtest du auf das Verhältnis der Schneemächtigkeit zur überspannten Länge, die Schneedichte und die Tiefe der Spalte [4].

### 2. Sturz halten und Lastübertragung Bricht die Brücke und der Partner fällt, musst du dich sofort mit dem Eispickel (Pickelbremsung) in den Firn werfen, um den Sturz zu blockieren. Sobald du stabil liegst, beginnt die hochkomplexe Lastübertragung. Du musst einen sicheren Fixpunkt errichten, ohne dabei vom Zug des gestürzten Partners mitgerissen zu werden. Im harten Firn geschieht dies meist durch das Graben eines T-Ankers (in dem der Eispickel waagerecht vergraben wird), im Blankeis durch das Setzen einer Eisschraube [4]. Mit einer Reepschnur (Prusikknoten) wird die Last des gespannten Seils nun langsam von deinem Klettergurt auf den gebauten Fixpunkt übertragen.

### 3. Kameradenrettung (Der Flaschenzug) Ist die Last sicher am T-Anker oder der Eisschraube fixiert, kannst du dich aus dem Seil ausbinden, gesichert zur Spaltenkante vorgehen und den Zustand des Partners prüfen. Für die Bergung hat sich die sogenannte Lose Rolle bewährt. Lass das restliche, freie Seilende zu deinem Partner in die Spalte hinab. Dieser klinkt es mittels Karabiner an seinem Gurt ein. Oben am Fixpunkt baust du nun mit deiner technischen Seilklemme (z.B. Micro Traxion) eine Rücklaufsperre ein. Ziest du nun am Seilende, halbierst du durch den physikalischen Flaschenzug-Effekt das Gewicht deines Partners. Die Seilklemme verhindert, dass das Seil wieder in die Spalte zurückrutscht, wenn du umgreifst oder pausierst [3].

### 4. Die Selbstrettung Ist der Partner oben verletzt oder hält den Sturz zwar, kann aber keinen Flaschenzug aufbauen, musst du nach einem angeseilten Spaltensturz in der Lage sein, eine Selbstrettung durchzuführen [5]. Hierbei nutzt du die mitgeführten Reepschnüre. Knüpfe zwei Prusikknoten in das straff gespannte Seil über dir. Den oberen Prusik verbindest du mit einer langen Bandschlinge, in die du mit dem Fuß steigst. Den unteren Prusik hängst du mit einem Karabiner direkt in die Anseilschlaufe deines Gurtes. Nun streckst du das Bein, um dich nach oben zu drücken, belastest den Gurt-Prusik, schiebst den Fuß-Prusik weiter nach oben und wiederholst den Vorgang ("Raupentechnik"), bis du die Spaltenlippe erreichst.

## Häufige Fehler - Fehler 1: Schlappseil an Schneebrücken. Wenn das Seil beim Überqueren einer Brücke nicht auf Spannung gehalten wird, baut der Stürzende eine enorme Fallenergie auf, die den Partner oben unweigerlich mit in die Tiefe reißt [4]. - Fehler 2: Ausrüstung im Rucksack. Wer die Seilklemme und die Reepschnüre bei einer Gletscherbegehung im Rucksack anstatt griffbereit am Klettergurt trägt, hat im Falle eines Spaltensturzes keine Möglichkeit, den Flaschenzug oder die Selbstrettung zu initiieren. - Fehler 3: Falsche Laufrichtung. Das parallele Gehen zu einer vermuteten Gletscherspalte ist ein fataler Taktikfehler. Bricht das Eis, fällt im schlimmsten Fall die komplette Seilschaft gleichzeitig durch die Brücke [4].

## Sicherheitshinweise Das Einschätzen von Schneebrücken ist extrem schwierig und hängt stark von der Tageszeit und Sonneneinstrahlung ab. Die wichtigste Regel zur Unfallvermeidung lautet: Beim geringsten Zweifel lieber vorsorglich einen Fixpunkt (Eisschraube, Steckpickel oder T-Anker) setzen und die erste Person der Seilschaft aktiv über die Spalte sichern [4]. Viele scheuen diesen Aufwand, doch das Setzen eines Fixpunktes kostet in der Realität nur sehr wenig Zeit im direkten Vergleich zu einer dramatischen und extrem kräftezehrenden Spaltenrettung [4].

## Pro-Tipp Ersetze bei der Kameradenrettung den klassischen Prusikknoten als Rücklaufsperre am Standplatz zwingend durch eine mechanische Seilklemme (wie die Petzl Micro Traxion)! Ein nasser, gefrorener Prusikknoten klemmt oft schlecht oder lässt sich unter Last kaum verschieben. Die Rolle in der Micro Traxion hat zudem ein integriertes Kugellager, was die schwere Reibung des Seils eliminiert und den Kraftaufwand beim Hochziehen deines Partners beim Flaschenzug um bis zu 40 Prozent verringert [3].

Schritt für Schritt

  1. Schritt 1: Taktik und Prävention an der Spalte: Gefahrenstellen im rechten Winkel anlaufen und das Seil vor der Schneebrücke zwingend auf Spannung bringen.
  2. Schritt 2: Sturz halten und Fixpunkt bauen: Den Sturz kompromisslos blockieren und die Last mittels Prusikknoten auf einen T-Anker oder eine Eisschraube übertragen.
  3. Schritt 3: Kameradenrettung (Flaschenzug): Das Verunglückte Seilschaftsmitglied mithilfe der losen Rolle und einer Seilklemme effizient nach oben ziehen.
  4. Schritt 4: Die Selbstrettung (Prusiken): Sich mittels Reepschnüren eigenständig am belasteten Seil aus der Spalte befreien.

Key Takeaways

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