Sicheres Führen von Gruppen in steilen, ausgesetzten Schrofen. Das souveräne Meistern von Kletterstellen im Grad UIAA I bis IV.
## Einleitung Die Königsdisziplin für alpine Bergwanderer und Tourenführer (wie beispielsweise in der Funktion als Trainer C Bergwandern) ist das Verlassen markierter Pfade. Wer Sektionsgruppen auf schweren, schwarz markierten Bergwegen und darüber hinaus führt, bewegt sich intensiv im weglosen Gelände – geprägt von Gras, Geröll, Schrofen sowie Schnee und Firn [1, 2]. In diesem hochkomplexen Terrain verliert der Weg seinen vorgegebenen Charakter; die Routenfindung und die permanente Einschätzung alpiner Gefahren liegen nun allein in der Verantwortung des Leaders [2, 3].
Auf diesem professionellen Niveau verwischen die Grenzen zwischen anspruchsvollem Bergwandern und alpinem Bergsteigen. Ein Leader muss in der Lage sein, Wegstufen im Schwierigkeitsgrad UIAA I (der einfachsten Form der Felskletterei) sowie hohe Trittstufen souverän zu meistern [4, 5]. Für fortgeschrittene Alpinisten, die sich auch in schweren Klettersteigen (ab Kategorie D) bewegen, wird sogar eine fundierte Klettertechnik bis zum Grad UIAA IV vorausgesetzt [6, 7]. Dieser detaillierte Guide der DOMISPORTS Academy zeigt dir, wie du wegloses Gelände taktisch klug liest, Schrofen sicher durchsteigst und deine Gruppe unbeschadet durch alpine Schlüsselstellen führst.
## Was du brauchst Sicheres Führen in weglos-felsigem Terrain verlangt eine absolut verlässliche Ausrüstung: - Kantenstabiles Schuhwerk: Zwingend erforderlich für kleine Leisten und Tritte. Wo ausgeprägte Trittpolster fehlen, müssen die Sohlenkanten präzise und oft waagerecht eingesetzt werden [8, 9]. - Kletterhelm: Da im weglosen Gelände und in Schrofenflanken eine signifikant höhere Steinschlaggefahr herrscht (besonders wenn mehrere Personen hintereinander aufsteigen), ist der Helm Pflicht. - Topografische Karten & Geländewissen: Die Fähigkeit, aus der Karte Absturzgelände und Schlüsselstellen vorab zu identifizieren, um Geländefallen zu vermeiden [10, 11]. - Erste-Hilfe & Notfall-Kit: Inklusive Biwaksack für ungeplante Stopps in schwer erreichbarem Terrain [12, 13].
### 1. Taktik in Schrofen und Blockwerk Das weglose Gelände ist vielfältig und fehlerverzeihendes Gehen existiert hier nicht. Bei Aufstiegen in Blockwerk und Geröll nutzt du bevorzugt die größeren, massiven Felsblöcke und steigst in kleinen, gut ausbalancierten Schritten nach oben [8, 9]. Feines Geröll lässt sich im Abstieg hingegen kraft- und zeitsparend „abfahren“ [8, 9]. Eine weitaus tückischere Geländeform sind die sogenannten Schrofen. Dies sind stark mit Gras durchsetzte, oft sehr brüchige Felszonen [8, 9]. Hier nutzt du zwingend die Hände zum Erhalt deines Gleichgewichts [8, 9]. Da Grastritte bei Nässe sofort abreißen können, gilt der wichtigste Grundsatz: Lehne dich niemals zum Hang! [8, 9]. Diese "Innenlage" verringert den Druck der Schuhsohle auf den Untergrund und führt unweigerlich zum gefährlichen Wegrutschen.
### 2. Geländefallen erkennen (Die 360-Grad-Prüfung) Als Leader im weglosen Gelände reicht es nicht, nur auf den nächsten Tritt zu schauen. Du musst den Raum lesen. Wende vor jeder kritischen Passage die elementare Geländeprüfung an: „Ich prüfe das Gelände um mich - was ist über mir? Was ist unter mir? Gibt es Geländefallen?“ [14-16]. Wenn über dir weidende Tiere oder vorauskletternde Seilschaften sind, ist die Steinschlaggefahr extrem hoch. Befindet sich unter der steilen Grasflanke, die du queren willst, eine hunderte Meter tiefe senkrechte Felswand, verwandelt sich ein harmloser Ausrutscher sofort in ein tödliches Szenario (Geländefalle) [14, 17]. Solche Einzugsgebiete und Steilhänge müssen bei der Führung von Gruppen, besonders bei Nässe, konsequent umgangen werden [14, 15].
### 3. Souveränität im 1. UIAA-Grad Der erste Schwierigkeitsgrad nach UIAA stellt die einfachste Form der Felskletterei dar [4, 5]. Für dich als Profi bedeutet das: Du musst in der Lage sein, Wegstufen von 50 cm bis 80 cm Höhe völlig freihändig und ausbalanciert rauf und runter zu steigen [4, 5]. Das Gelände erfordert zwar die Hände zur Unterstützung und Balance, jedoch noch keine durchgehende Seilsicherung. Deine Aufgabe ist es, deiner Gruppe hier durch eine fließende, ruhige und präzise Steigtechnik Sicherheit zu vermitteln. Zeige ihnen, wie man die Tritte im Fels vor der vollen Belastung kurz auf Festigkeit prüft.
### 4. Höhere Kletterschwierigkeiten (UIAA II bis IV) Sobald die Tour in exponiertere Grate oder schwere Steiganlagen übergeht, reicht der erste Grad nicht mehr aus. Ein kompletter Alpinist, der auch schwierige Klettersteige (ab Kategorie D) begeht, muss Kletterfähigkeiten bis zum Grad UIAA IV beherrschen [6, 7]. In diesen Graden (wo Griffe und Tritte kleiner werden und senkrechte Passagen auftreten) darf es absolut keinen ungesicherten Sturz geben [18, 19]. Hier agierst du extrem präzise. Die 3-Punkte-Regel (drei Haltepunkte sind immer fest am Fels) muss vollautomatisiert ablaufen. Ein freier Sturz in diesem Terrain endet höchstwahrscheinlich mit schwersten Verletzungen oder tödlich [18, 19].
## Häufige Fehler - Fehler 1: Hineinlehnen in den Hang bei Nässe. Ein klassischer Reflex, der bei steilen Schrofen oder nassen Grastritten fatal endet. Durch die Schräglage des Körpers zum Berg hin verliert die Sohle ihre Reibung (No-Go bei Nässe!) [8, 9]. - Fehler 2: Falsches Schuhwerk im Fels. Der Versuch, mit weichen Trailrunning-Schuhen im zweiten oder dritten UIAA-Grad auf kleinen Leisten stehen zu wollen, führt zur sofortigen Übermüdung der Waden und zum Abrutschen, da die kantenstabile Sohle (Kategorie C) fehlt [8, 9]. - Fehler 3: Ignorieren der Sturzraum-Konsequenz. Eine Passage wird im weglosen Gelände oft als "leicht" abgetan, ohne zu hinterfragen, was passiert, wenn (z.B. durch Ausbrechen eines Tritts) doch ein Sturz erfolgt [17, 20].
## Sicherheitshinweise Das Führen von Gruppen (z. B. als Trainer C) im weglosen Gelände darf nur bei guten Verhältnissen erfolgen [1, 21]. Sobald sich das Wetter verschlechtert (Regen, Schnee), verwandelt sich schrofiges Gelände sofort in eine unpassierbare Rutschbahn. Beachte zwingend, dass für diese Art der Führung keine geplante Seilsicherung erforderlich sein darf [1, 21]; wird das Gelände so anspruchsvoll, dass Seilsicherung zwingend nötig wird, überschreitet es den Rahmen des Bergwanderns und fällt in die Kategorie des Alpinkletterns oder Hochtourengehens [2, 3]. Ein Sturz in ausgesetztem Fels oder auf Klettersteigen ist absolut tabu, da selbst ein Sturz in das Klettersteigset (Notfallausrüstung) aus wenigen Metern Höhe extreme Verletzungen hervorruft [18, 19].
## Pro-Tipp Nutze bei der Führung im weglosen Gelände das Prinzip der günstigen Geländeformen [14, 15]! Anstatt stur einer geraden (virtuellen) Linie oder einem GPS-Track zu folgen, lese das Mikrogelände vor dir. Verbinde Felsblöcke, kleine Muldenrücken und stabile Graspolster wie bei einem Puzzle miteinander. Wenn du deine Gruppe in Serpentinen von einem stabilen Mikrostopp zum nächsten navigierst, sparst du nicht nur massiv Energie der Teilnehmer, sondern reduzierst auch die objektive Steinschlaggefahr innerhalb deiner Gruppe auf ein absolutes Minimum!