Ziehe das Segel mit der Aufholleine aus dem Wasser. Halte dabei den Rücken gerade, strecke die Arme und nutze nur dein Körpergewicht.
## Einleitung Herzlich willkommen zum vierten Teil unseres DOMISPORTS Academy Einsteiger-Curriculums. Nachdem wir das Brett im rechten Winkel zum Wind (Halbwindkurs) ausgerichtet haben, folgt nun der physisch entscheidende Moment: Das Rigg muss aus dem Wasser gezogen werden. Viele Anfänger scheitern an dieser Stelle, weil sie das Segel wie ein schweres Gewichtsstück betrachten und versuchen, es mit roher Muskelkraft aus dem kühlen Nass zu zerren. Dies führt nicht nur zu Frustration, sondern unweigerlich auch zu einer extrem schnellen Erschöpfung der Arm- und Rückenmuskulatur. Die fundierte Technik des Windsurfens verlangt stattdessen nach einem eleganten, biomechanischen Ansatz. Das Rigg, das durch das aufliegende Wasser ein hohes Gewicht erreichen kann, wird nicht mit den Armen gezogen, sondern mit dem eigenen Körper gehebelt. Die Devise lautet: Technik schlägt Kraft. Wenn du lernst, wie du dein Körpergewicht effizient als Hebel gegen den Wasserwiderstand einsetzt, wird das Aufholen des Segels zu einer mühelosen, fließenden Bewegung. Dieser detaillierte Guide zeigt dir Schritt für Schritt, wie du eine perfekte Hebelwirkung erzeugst, deinen Rücken schonst und eine solide, aufrechte Körperhaltung zwischen dir und deinem Rigg aufbaust [1, 2].
## Was du brauchst Für das erfolgreiche und körperschonende Aufholen deines Segels benötigst du die richtige Basis auf dem Wasser: - Ein kippstabiles Anfängerboard mit großem Volumen und idealerweise einem ausgeklappten Schwert, das dir als fester Widerstand unter Wasser dient. - Ein leichtes, handliches Einsteigersegel (Dacron) ohne Camber, das verhältnismäßig wenig Wasser aufnimmt. - Eine dicke, griffige und unbeschädigte Aufholleine (Startschot), die sicher am Gabelbaumkopf oder Mastfuß befestigt ist. - Idealerweise knie- bis brusttiefes Flachwasser, um bei ersten Fehlversuchen sicher absteigen zu können.
### 1. Die Füße am Mastfuß positionieren Bevor du überhaupt nach der Aufholleine greifst, musst du dein Fundament auf dem Board festigen. Stehe auf der Längsachse (Mittellinie) des Brettes, sodass dein Gewicht das Board nicht zu einer Seite kippen lässt. Platziere deine Füße schulterbreit exakt links und rechts neben dem Mastfuß. Diese mittige Standposition sorgt dafür, dass sich die Hebelkräfte beim Aufholen gleichmäßig auf das Board verteilen und weder die Nase noch das Heck massiv unter Wasser gedrückt werden.
### 2. Tief greifen mit geradem Rücken Beuge deine Knie deutlich und gehe in eine tiefe Hocke. Richte deinen Rücken absolut gerade auf und mache die Arme lang [1]. Greife nun die Aufholleine so weit unten wie nur irgend möglich am unteren Ende [2]. Ein besonders tiefer Griff an der Startschot sorgt später für einen deutlich längeren und damit wirkungsvolleren Hebelweg, um das Rigg aus dem Wasser zu befreien [2].
### 3. Das Körpergewicht als Hebel einsetzen Dies ist der wichtigste biomechanische Moment der Bewegung: Um das Rigg zu heben, ziehst du nicht mit den Armen. Lass die Arme stattdessen extrem lang und gestreckt. Richte dich nun langsam aus den Beinen heraus auf und lege deinen aufrechten, geraden Oberkörper konsequent nach hinten zurück [2]. Das Aufholen des Riggs geschieht hierbei ausschließlich mittels deines Körpergewichts und ausdrücklich nicht mit der Armkraft [2]. Es gilt der einfache physikalische Grundsatz: Je mehr man sich streckt, umso besser ist der Hebel zum Rigg-heraus-Ziehen [2].
### 4. Wasser ablaufen lassen (Die V-Position) Während sich das Segel hebt, bildest du zusammen mit dem Rigg optisch eine Art "V-Form" zwischen Körper und Segel [1]. Wenn sich das Schothorn (das hintere Ende des Gabelbaums) aus dem Wasser löst, halte diese Position für zwei bis drei Sekunden statisch. Lass dem schweren Wasser die Zeit, komplett vom Segeltuch abzulaufen. Das Rigg wird mit jeder Sekunde spürbar leichter. Versuche auf keinen Fall, das Segel ruckartig und mit vollem Wasserballast in einem Zug nach oben zu reißen.
### 5. Hand über Hand zum Mast Ist das überschüssige Wasser vollständig abgelaufen, richtest du deinen Körper wieder etwas weiter auf und verringerst die Rücklage minimal. Ziehe nun die Aufholleine flüssig und zügig Hand über Hand nach oben [1]. Der Rücken bleibt dabei immer gerade. Sobald du den Mast sicher ergreifen kannst, hast du die sichere Grundstellung erreicht und das Manöver kraftsparend abgeschlossen.
## Häufige Fehler - Fehler 1: Ziehen mit den Armen (Bizepstraining). Wer versucht, das nasse, schwere Segel mit angewinkelten Armen aus dem Wasser zu ziehen, verschwendet all seine Energie und ermüdet extrem schnell [2]. Lass die Arme lang und nutze konsequent die Rücklage deines Körpergewichts [2]. - Fehler 2: Ein krummer Rücken (Rundrücken). Wer sich beim Greifen der Aufholleine wie ein Fragezeichen über das Board beugt, belastet seine Bandscheiben enorm und riskiert langfristige Rückenschmerzen. Die Brust muss rausgedrückt und der Rücken gestreckt bleiben [1]. - Fehler 3: Das Gewicht auf das Heck verlagern. Viele Anfänger weichen vor dem aufsteigenden Segel zurück und belasten den hinteren Fuß zu stark. Dadurch säuft das Heck ab, das Brett luvt unkontrolliert an (dreht in den Wind) und man kippt rückwärts ins Wasser.
## Sicherheitshinweise Besonders in der Lernphase oder bei plötzlichen, böigen Winden kann es passieren, dass du das Gleichgewicht verlierst und unvermeidbar ins Wasser fällst. In diesem Moment greift eine eiserne Regel zur Verletzungsprävention: Halte den Gabelbaum (oder die Aufholleine/den Mast) immer mit langen Armen fest, damit dein Kopf geschützt ist [3]. Das Rigg ist rund 4,60 Meter lang und hat einen entsprechend gefährlichen Fallradius [2, 3]. Lässt du das Rigg blind los, kann es unkontrolliert auf dich stürzen und im schlimmsten Fall zu Kopf- oder Gesichtsverletzungen führen [3]. Fange den Sturz auf die Wasseroberfläche stattdessen mit leicht gebeugten, aber angespannten Armen ab, halte das Rigg auf Distanz und schwimme dann sicher seitlich weg [3].
## Pro-Tipp Richtungskorrektur schon beim Aufholen: Ein fantastischer Vorteil des langsamen, statischen Aufholens ist, dass du dein Brett bereits lenken kannst, bevor du überhaupt losfährst [1]. Wenn du merkst, dass dein Board beim Hochziehen des Segels durch kleine Wellen den 90-Grad-Winkel zum Wind verliert, kannst du einfache Korrekturen vornehmen [1]. Drücke das leicht im Wasser schwebende Segel einfach ganz leicht in Richtung Heck, um die Nase in den Wind zu drücken, oder drücke es Richtung Bug (oder in Fahrtrichtung), um das Brett wieder sanft abfallen zu lassen [1]. Du nutzt den Widerstand des Segels hierbei als kräfteschonendes Ruder [1].